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Kerstin von Lingen, „Crimes against Humanity“. Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945. (Krieg in der Geschichte, Bd. 102.) Paderborn, Ferdinand Schöningh 2018

01 Dec 2019-Historische Zeitschrift (Walter de Gruyter GmbH)-Vol. 309, Iss: 3, pp 795-797

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NEUE HISTORISCHE LITERATUR / BUCHBESPRECHUNGEN 19.–21. JAHRHUNDERT 795
wenn der Begriff der „Scham“ hier irreführend sein mag – eher ging es um individu-
elle und kollektive Ehrvorstellungen –, so ist es doch sehr ertragreich, die Rolle der
Emotionen – auch „Angst“ (S. 258), „Verbitterung“ (S. 268) und „Frustration“ (S. 278)
– stärker zu berücksichtigen als in der einschlägigen Forschung bisher. Umso über-
zeugender ist der Befund, dass sich Radikalisierung und Grausamkeit der Kriegfüh-
rung aus einer Fülle von ineinandergreifenden Prozessen erklären lassen und es da-
bei keiner zentralen Steuerung, ob durch Reich, Kaiser oder von Trotha, bedurfte.
Kerstin von Lingen, „Crimes against Humanity“. Eine Ideengeschichte der Zivi-
lisierung von Kriegsgewalt 1864–1945. (Krieg in der Geschichte, Bd. 102.)
Paderborn, Ferdinand Schöningh 2018. 386 S., € 79,–. //
doi 10.1515/hzhz-2019-1511
Daniel Marc Segesser, Bern
Während langer Jahre waren rechtliche Konzepte eine Domäne juristischer Analy-
sen, in welchen der historische Kontext kaum thematisiert wurde. Das hat sich seit
dem Beginn des 21.Jahrhunderts zwar langsam geändert, aber es bestehen noch etli-
che Lücken. Mit einer davon beschäftigt sich die Habilitationsschrift Kerstin von
Lingens. Darin legt sie eine „intellectual history“ der Zivilisierung von Kriegsgewalt
durch das Konzept der „crimes against humanity“ vor. Ziel der Arbeit ist es, die his-
torische Tiefendimension des Konzepts ebenso zu ergründen wie das Verhältnis
zwischen den Motivationen der beteiligten Akteure – vornehmlich männliche Ju-
risten und Politiker – einerseits und dem jeweiligen historischen Kontext anderer-
seits. Von zentraler Bedeutung sind für die Autorin dabei die Diskussionen über die
mögliche Anwendung des Konzeptes in konkreten Kriegssituationen, aber auch in
Zeiten von verminderter Kriegsgewalt.
Wie zu wenige vor ihr erkennt von Lingen, dass es gerade auch mit Blick auf das
vermeintlich zur Geschichte des 20.Jahrhunderts gehörige Konzept der „crimes
against humanity“ entscheidend ist, den Blick nicht nur auf die im juristischen
Schrifttum meist allein für relevant gehaltenen Weltkriege des 20.Jahrhunderts zu
richten. Gerade die in der Haager Konvention über die Gesetze und Gebräuche des
Krieges von 1899 festgeschriebene „Martensklausel“ ist für das Verständnis des ju-
ristischen Konzepts der „crimes against humanity“ von zentraler Bedeutung. Von
Lingen hat daher recht, deren drei Kernelemente – „laws of civilised nations“, „laws

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of humanity“ und „public conscience“ – als zentrale Leitlinie und strukturierendes
Element nicht nur für die Analyse der Bedeutung von „humanity“ und des Umgangs
damit im 19.Jahrhundert zu verwenden, sondern auch für die Zeit danach. Entspre-
chend verknüpft die Autorin ihr Thema mit dem Kampf für die Abschaffung der
Sklaverei und verweist zurecht auf die Debatten über die Kriegspraxis und die Regu-
lierung von Kriegsgewalt im Umfeld der Kriege in Nordamerika und Europa in den
Jahren zwischen 1859 und 1871. Leider gelingt es ihr aufgrund einer teilweise etwas
zu sprunghaften Argumentation und einiger Schwächen in der Kontextualisierung
der Entwicklungen nicht immer, bestehende oder zu vermutende Verbindungen
zwischen dem Kriegsgeschehen und den daraus resultierenden Debatten einerseits
sowie der Entwicklung völkerrechtlicher Normen, speziell von „crimes against hu-
manity“ andererseits aufzuzeigen. Besonders die Rolle Russlands sowie die Deklara-
tionen von Brüssel (1874) und St. Petersburg (1868) unterschätzt sie. Mit Blick auf
die der Autorin so wichtigen Aspekte der „laws of civilised nations“ und der „laws of
humanity“ spielte Letztere nämlich eine weit wichtigere Rolle als die erste Genfer
Konvention von 1864.
In der zweiten Hälfte des Buches analysiert von Lingen nicht zuletzt anhand der
Nachlässe zweier zentraler Akteure, Marcel de Baer und Bohuslav Ecer, die Tätigkeit
juristischer Experten im sogenannten „London Hub“ während des Zweiten Welt-
kriegs. Sie zeigt auf, wie wichtig besonders Juristen aus vom nationalsozialistischen
Deutschland besetzten Staaten für die weitere Entwicklung des Konzepts der
„crimes against humanity“ waren. Ohne deren in der bisherigen Forschung unter-
schätzte Arbeit wäre es am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zur erstmaligen
Durchführung von Prozessen vor internationalen Militärtribunalen gekommen.
Von Lingen weist auch nach, dass Frauen nicht zuletzt aufgrund ihrer Sprachkennt-
nisse in diesem Prozess eine bisher massiv unterschätzte Rolle gespielt haben. Gera-
de hier hätte sich der Rezensent noch substantiellere Ausführungen gewünscht,
welche die Rolle der Frauen während des Zweiten Weltkriegs auch stärker mit der
Analyse der Weltfriedenskonferenz der Frauen von 1915 aus dem ersten Teil ver-
knüpft hätten. Gerade die Suche nach solchen Verbindungen hätte zeigen können,
weshalb der Anteil der Frauen an der bisher doch sehr männerlastigen Forschung
zur Entwicklung völkerrechtlicher Normen bisher nur am Rande thematisiert wur-
de und wird.
Abschließend lässt sich feststellen, dass Kerstin von Lingen eine vor allem im
zweiten Teil sehr überzeugende Studie vorgelegt hat, der zu wünschen ist, dass sie

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als Ausgangspunkt für viele weitere Untersuchungen ähnlicher Art zu dienen ver-
mag. Es bleibt zu hoffen, dass die Forschenden dabei mit derselben Energie beharr-
lich weiterarbeiten, wie es de Baer und Ecer in ihrer Zeit und in ihrem Feld getan ha-
ben.
Yves-Marie Adeline, Histoire mondiale de la Grande Guerre 1914–1918. Paris,
Editions ellipses 2017. 734 S., € 29,–. // doi 10.1515/hzhz-2019-1512
Daniel Marc Segesser, Bern
Bis zum Beginn des 21.Jahrhunderts waren wirklich global ausgerichtete Perspekti-
ven mit Blick auf den Ersten Weltkrieg in der Forschung selten. Das hat sich seither
geändert, und spätestens seit dem Beginn des Centenaire im Jahr 2014 gehört es zum
guten Ton jeder Geschichte des Großen Krieges, nicht nur die Entwicklungen in
Europa zum Thema zu machen, sondern auch andere Teile der Welt zu berücksich-
tigen. Das tut auch das an dieser Stelle besprochene Buch des französischen Publizis-
ten und Historikers Yves-Marie Adeline, der bisher nur sehr am Rand mit dem The-
ma des Ersten Weltkrieges befasst war und daher keine eigenen Forschungsergeb-
nisse in den Band einbringt.
In seinem Aufbau folgt Adeline der klassischen Chronologie. Schon in seinem
Kapitel zur Vorgeschichte wirft er dabei nicht nur einen Blick auf Europa, sondern
thematisiert auch die Entwicklung in den
USA oder Japan. Die Kolonialgebiete, die
britischen Dominions und Lateinamerika beachtet er allerdings nicht, und zu Indi-
en macht er nur die kurze und überholte, weil zu pauschale Feststellung, dass dieses
der Grund für die Stärke Großbritannien gewesen sei (S. 27). Als nächstes themati-
siert Adeline die Entwicklungen bis zur Schlacht an der Marne. Im Gegensatz zu
klassischen, auf Europa fokussierenden Studien, flicht Adeline immer wieder Aus-
führungen zur nichteuropäischen Welt ein, so vor allem zum Osmanischen Reich
und Afrika. Dies führt zeitweise dazu, dass die Leserin oder der Leser fast den Über-
blick verliert. Das ist vielleicht aber auch gewollt, um zu zeigen, wie verwirrend sich
die Situation in globaler Perspektive damals den Zeitgenossen präsentierte. Mit
einer Überraschung beginnt das Kapitel zum Jahr 1915, denn nach kurzen Ausfüh-
rungen zu den Optionen, die sich Hindenburg, Ludendorff oder Joffre eröffneten
(S. 193), wechselt Adeline die Perspektive. In einem längeren Abschnitt wendet er
sich den Entwicklungen im Osmanischen Reich, den deutschen Missionen nach Per-
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Egbert Jahn1Institutions (1)
01 Jan 2020-
Abstract: The word “guilt” has not been used by sociologists and historians since 1945, and is almost never mentioned in publications, even though in the everyday social context, people, ways of behaviour and circumstances are accused of being guilty of undesirable acts and events that are considered to be damaging. Blaming others is, however, far more common that acknowledging one’s own guilt. For many years, the major works by historians on the origins of the First World War have avoided any reflection about war guilt, preferring to talk about responsibility for the war. The two most important German-language, systematic, academic studies on the concept of guilt appeared in Switzerland in the field of political philosophy. In this text, the focus is above all on political-moral guilt in wars of aggression and mass murder, the increasing awareness of which interacts with the development of standards in criminal and international law that prohibits acts of aggression, genocide and severe violations of human rights

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